ETF-Auszahlplan im Ruhestand: Praxisanleitung 2026
Sequence-of-Returns-Risiko, Entnahmeraten, Anleihen-Buffer: Wie ein nachhaltiger Auszahlplan ab 65 in AT und DE strukturiert wird.

Wer mit 65 Jahren ein ETF-Depot von 400.000 Euro besitzt und daraus jährlich 16.000 Euro entnimmt — die berühmte Vier-Prozent-Regel — hat nach historischen Backtests in über 90 Prozent aller 30-Jahres-Fenster sein Kapital bis zum 95. Lebensjahr nicht aufgezehrt. Diese Wahrscheinlichkeit klingt beruhigend. Sie verschweigt aber den entscheidenden Punkt: In den verbleibenden zehn Prozent der Fälle endete das Depot deutlich vor dem Ruhestand — typischerweise dann, wenn die ersten fünf bis acht Entnahmejahre auf eine schwache Marktphase fielen.
Dieses Sequence-of-Returns-Risiko ist der zentrale Unterschied zwischen Vermögensaufbau und Vermögensentnahme. Während in der Sparphase ein früher Crash sogar günstig ist (man kauft billig nach), ist ein früher Crash in der Entnahmephase die größte einzelne Gefahr für den Kapitalerhalt. Wer 2026 einen ETF-Auszahlplan aufsetzt, muss diese Asymmetrie verstanden haben — und sein Setup entsprechend bauen.
Voraussetzungen, die Sie mitbringen sollten:
- Ein Wertpapierdepot bei einem AT- oder DE-Broker mit KESt-Automatik (siehe Broker-Vergleich Sparplan 2026)
- Mindestens 150.000 Euro Anlagevermögen — darunter ist ein eigenständiger Auszahlplan nicht sinnvoll
- Klare Vorstellung über monatlichen Entnahmebedarf und ergänzende Einkünfte (Pension, Mieten, Renten)
- Eine separate Liquiditätsreserve von 6 bis 12 Monaten Bedarf auf Tagesgeld
Warum die Vier-Prozent-Regel angepasst gehört
Die Vier-Prozent-Regel stammt aus den US-amerikanischen Trinity-Studien der 1990er-Jahre. Sie wurde für ein US-amerikanisches Portfolio (60 Prozent S&P 500, 40 Prozent US-Anleihen), einen 30-Jahres-Horizont und US-spezifische Steuerverhältnisse berechnet. Für DACH-Anleger 2026 ist sie eine brauchbare Faustregel, aber kein finalisiertes Konzept.
Folgende Anpassungen sind nötig.
Erstens, die Steuerlogik: In Österreich unterliegen Entnahmen aus dem ETF-Depot der KESt von 27,5 Prozent auf Veräußerungsgewinne und ausschüttungsgleichen Erträge. Eine Entnahme von 16.000 Euro brutto entspricht — je nach Gewinnanteil der entnommenen Anteile — etwa 12.500 bis 14.500 Euro netto. Wer 16.000 Euro netto benötigt, muss entsprechend höher entnehmen. Die typische deutsche Variante mit pauschaliertem Sparerfreibetrag (2026: 1.000 Euro p. a.) ist marginal günstiger, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Logik.
Zweitens, die Lebenserwartung: Wer mit 65 in den Ruhestand geht, hat in Österreich nach aktuellen Sterbetafeln eine durchschnittliche Restlebenserwartung von 19 Jahren (Männer) beziehungsweise 22 Jahren (Frauen). Wer aber gesund ist, einen guten Bildungs- und Vermögenshintergrund hat — was bei der Mehrheit der Auszahlplan-Anwender zutrifft — kann realistisch mit 28 bis 32 Jahren Ruhestand planen. Ein 30-Jahres-Horizont sollte deshalb der Standard sein.
Drittens, die Inflationsannahmen: Die historischen US-Backtests gingen von einer durchschnittlichen Inflation von rund 3 Prozent aus. Die EZB-Zielinflation liegt bei zwei Prozent, der tatsächliche HVPI in Österreich lag im April 2026 bei 3,1 Prozent. Eine Auszahlplanung sollte mit drei Prozent durchschnittlicher Inflation rechnen, um nicht in den letzten zehn Jahren des Ruhestands signifikant an Kaufkraft zu verlieren.
Zwei Auszahlstrategien — konstant versus dynamisch
Es gibt mehrere etablierte Entnahmestrategien. Für die meisten Privatanleger sind zwei davon praktikabel.
Konstante Entnahme (klassische 4%-Regel): Sie entnehmen im ersten Jahr 4 Prozent des Anfangsdepots — sagen wir 16.000 Euro bei 400.000 Euro Depot. Diesen Betrag erhöhen Sie jedes Jahr um die Inflationsrate, unabhängig von der Marktentwicklung. Vorteil: planbar, einfach. Nachteil: Sie ignorieren die Marktentwicklung — bei einem schlechten ersten Jahr entnehmen Sie aus einem geschrumpften Depot weiter den vollen Inflationspfad, was die Sequence-Gefahr verschärft.
Dynamische Entnahme (Variable-Percentage-Withdrawal, VPW): Sie entnehmen jedes Jahr einen festen Prozentsatz des aktuellen Depotstands — typischerweise 4 bis 5 Prozent. Vorteil: passt sich automatisch an Marktphasen an, das Sequence-Risk reduziert sich deutlich. Nachteil: schwankende Auszahlungen — in einem schlechten Jahr kann die Entnahme um 15 bis 25 Prozent niedriger ausfallen als im Vorjahr.
In der Praxis fahren viele Anleger eine Hybridstrategie: Ein Sockelbetrag wird konstant entnommen (für laufende Fixkosten), ein variabler Aufschlag wird dynamisch entnommen (für variable Ausgaben, Reisen, Anschaffungen). Diese Konstruktion verbindet Planbarkeit mit Marktreagibilität und ist aus unserer Sicht 2026 der pragmatisch beste Standard für Privathaushalte mit mittlerem bis größerem Depot.
Was an Beispielportfolios zu sehen ist
Ein Auszahlplan-Portfolio sieht anders aus als ein Aufbau-Portfolio. Die Aktienquote ist niedriger, die Liquiditätskomponente höher, die Anleihen-Allokation strukturell relevant. Im Folgenden einige Beispiele:
Defensives Auszahlportfolio (Aktienquote 40 Prozent)
- 40 Prozent breit gestreuter Welt-ETF (z. B. iShares Core MSCI World, ISIN IE00B4L5Y983)
- 35 Prozent kurzlaufende Staatsanleihen-ETF in EUR (z. B. iShares Euro Govt Bond 1-3yr, ISIN IE00B14X4Q57)
- 15 Prozent inflationsindexierte Anleihen (z. B. Lyxor Core Euro Inflation Linked, FR0010174292)
- 10 Prozent Geldmarkt-ETF oder Tagesgeld (Liquiditätspuffer 2 bis 3 Jahresentnahmen)
Geeignet für Anleger mit niedriger Risikotoleranz und kürzerem Planungshorizont (15 bis 20 Jahre).
Ausgewogenes Auszahlportfolio (Aktienquote 55 Prozent)
- 55 Prozent Welt-ETF (z. B. Vanguard FTSE All-World, IE00BK5BQT80)
- 25 Prozent kurz- bis mittellaufende Anleihen-ETF (Mix Staatsanleihen und EUR Investment-Grade-Unternehmensanleihen)
- 10 Prozent inflationsindexierte Anleihen
- 10 Prozent Geldmarkt-ETF / Tagesgeld
Standard für die meisten Anleger mit 25 bis 30 Jahren Planungshorizont. Erwartete Realrendite nach Kosten und Steuern circa 2,5 bis 3,5 Prozent.
Wachstumsorientiertes Auszahlportfolio (Aktienquote 70 Prozent)
- 70 Prozent Welt-ETF (idealerweise MSCI ACWI IMI für Small-Cap-Anteil)
- 20 Prozent mittellaufende EUR Investment-Grade-Anleihen
- 10 Prozent Geldmarkt-ETF / Tagesgeld
Für Anleger mit signifikanten weiteren Einkommensquellen (gesetzliche Pension, Mieteinnahmen), die das Depot überwiegend für Erbe oder Komfortausgaben aufgebaut haben.
In allen Portfoliovarianten bleibt die Liquiditätskomponente von 10 Prozent oder mehr zentral — sie ist der Mechanismus, mit dem Sie in schwachen Aktienjahren die Entnahme ausschließlich aus liquiden Mitteln bestreiten und die Aktienquote in Ruhe lassen können. Diese sogenannte Eimer-Strategie ist die wirksamste praktische Antwort auf das Sequence-Risk.
Steuerlogik AT und DE
Die steuerliche Handhabung unterscheidet sich substanziell zwischen den beiden Ländern und sollte vor Beginn der Auszahlphase verstanden sein.
Österreich: KESt von 27,5 Prozent auf Veräußerungsgewinne und ausschüttungsgleiche Erträge. Bei OeKB-gemeldeten Fonds ist die KESt-Automatik durch den Broker der Standard — Sie erhalten Netto-Auszahlungen. Verluste können innerhalb desselben Steuerjahres mit Gewinnen aus anderen kapitalertragsteuerpflichtigen Erträgen verrechnet werden, ein Verlustvortrag ist nicht möglich. Wer plant, in einem Jahr besonders viel zu entnehmen, sollte die Verkaufsreihenfolge (FIFO ist Pflicht in Österreich) im Auge behalten — die zuerst gekauften und damit oft am stärksten gestiegenen Anteile werden zuerst verkauft.
Deutschland: Abgeltungsteuer von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer. Sparerpauschbetrag von 1.000 Euro pro Person und Jahr ist freistellungsfähig. Bei thesaurierenden Fonds greift die Vorabpauschale, die je nach Marktentwicklung gering ausfallen kann, aber gesondert versteuert wird. Verluste können vorgetragen werden — was die deutsche Variante in volatilen Jahren steuerlich flexibler macht.
In beiden Ländern gilt: Die steuerliche Optimierung der Entnahmereihenfolge ist über die Jahre relevanter als jede Produktentscheidung. Wer in einem Jahr aufgrund von Sondereinkünften ohnehin in eine höhere Progression rutscht, sollte die ETF-Entnahmen reduzieren — und stattdessen aus dem Liquiditätspuffer entnehmen.
Häufige Probleme
Wie häufig sollte ich rebalancieren?
Einmal jährlich, idealerweise im Januar. Häufigeres Rebalancing produziert Transaktionskosten und steuerpflichtige Gewinne, ohne messbar mehr Stabilität zu bringen. Eine Toleranzgrenze von 5 Prozentpunkten je Anlageklasse ist ein praktischer Standard.
Was tun bei einem Aktiencrash im ersten Auszahljahr?
Genau der Fall, für den die Liquiditätsreserve gedacht ist. Reduzieren Sie die ETF-Verkäufe auf das Minimum, finanzieren Sie die Entnahmen für 12 bis 18 Monate vollständig aus Tagesgeld und kurzen Anleihen, und kaufen Sie nicht zurück. Erholt sich der Markt, füllen Sie die Liquiditätsreserve schrittweise aus Aktiengewinnen wieder auf.
Sollte ich ausschüttende oder thesaurierende ETFs nehmen?
Für einen Auszahlplan tendenziell ausschüttende ETFs. Sie produzieren regelmäßige Cash-Flows, die die monatlichen Entnahmen teilweise decken — was die Verkaufsfrequenz reduziert und damit Transaktionskosten und Sequence-Risk dämpft. In Österreich ist die steuerliche Behandlung beider Varianten ähnlich (KESt-Logik), in Deutschland sind ausschüttende ETFs für die Auszahlphase oft die praktischere Variante.
Soll ich aktiv gemanagte Auszahlfonds nehmen?
Aus unserer Sicht nein. Die laufenden Kosten von 1,2 bis 2,0 Prozent pro Jahr fressen über 25 Jahre einen erheblichen Teil der erwarteten Realrendite auf. Die Mehrheit der "Defensiv-Auszahlfonds" der großen DACH-Anbieter liegt nach Kosten signifikant unter einem einfachen Hausgemachten-Portfolio mit Welt-ETF und Anleihen-ETF.
Was als Nächstes
Wer den Auszahlplan operativ aufsetzt, sollte den ersten Schritt schon ein bis zwei Jahre vor Pensionsantritt machen — nicht später. Sinnvolle Folgeschritte:
- Stresstest mit historischen Daten: Berechnen Sie, wie Ihre Strategie sich in den Jahren 1999–2010 oder 1972–1982 entwickelt hätte. Online-Tools wie ficalc.app erlauben das mit wenigen Klicks.
- Schriftliche Auszahlrichtlinie für sich selbst: Notieren Sie die Regeln (Sockelbetrag, dynamische Komponente, Rebalancing-Frequenz, Notfallplan bei Crash) auf zwei DIN-A4-Seiten. Diese Disziplin schützt vor emotionalen Entscheidungen in Stressphasen.
- Jährliche Reviewpflicht: Im Januar jedes Jahres: Stand, Entnahme-Plan für das Jahr, Steuerprognose, Liquiditätspuffer-Höhe.
Aus unserer Sicht wird der ETF-Auszahlplan in der DACH-Beratungspraxis oft zu komplex aufgesetzt. Die wichtigsten Hebel — Aktienquote angemessen, Liquiditätspuffer ausreichend, Entnahme dynamisch — funktionieren mit drei bis fünf ETF-Positionen und einer einfachen Excel-Tabelle. Wer mehr braucht, hat in der Regel weniger Klarheit, nicht mehr.
Wer parallel die Pensionsplanung strukturieren will, findet die Vorbereitung in Pensionsplanung mit 50 — Sieben Schritte. Für die Frage Bestandsversicherung versus Reinvestition ist Lebensversicherung 2026: Abwickeln oder behalten die nächste Lektüre. Und wer noch in der Aufbauphase ist, beginnt mit unserer ETF-Kauf-Anleitung für Österreich.